Führt mehr Lesen zu einer besseren Rechtschreibung?

„Du musst mehr lesen!“

Diesen Spruch kennen wir Eltern – weil wir ihn selbst zu unseren Kindern sagen, weil es Lehrkräfte betonen oder weil wir das Lesen als „To-do“ für unsere Kinder ständig im Hinterkopf haben. Und ja, Kinder brauchen Übung, um flüssig lesen zu können.

Doch oft steckt noch eine weitere Annahme dahinter, nämlich, dass durch mehr Lesen automatisch auch die Rechtschreibung besser wird. Schließlich sieht man beim Lesen immer wieder die richtige Schreibweise von Wörtern.

Doch stimmt das wirklich? Der folgende Artikel soll hierbei Orientierung geben. Wird ein Kind tatsächlich von selbst besser in der Rechtschreibung, wenn es einfach mehr liest?

Das Henne-Ei-Problem

Auf den ersten Blick spricht einiges für diese Annahme. Mehrere Studien zeigen, dass Kinder, die häufiger freiwillig lesen, im Durchschnitt auch besser schreiben (siehe Mol und Bus, 2011).

Hier kommt jedoch das entscheidende „Aber“: Ein Zusammenhang ist nicht automatisch eine Ursache-Wirkungs-Beziehung. Das wird deutlich, wenn man sich verschiedene Erklärungen für diesen Zusammenhang vor Augen führt:

1. Lesen verursacht besseres Schreiben.
2. Gute Lese- und Schreibkompetenzen führen dazu, dass Kinder häufiger lesen.
3. Andere Einflussfaktoren können sowohl Lesen als auch Rechtschreibung fördern – zum Beispiel häusliches Üben.
4. Faktoren können sich wechselseitig beeinflussen.

Der letzte Punkt wird von den Wissenschaftlern Mol und Bus (2011) diskutiert: Wenn eine Person gute sprachliche Fähigkeiten hat, liest diese Person häufiger freiwillig. Durch das häufige Lesen werden diese Fähigkeiten dann immer weiter verbessert. In diesem Fall käme es über Jahre hinweg zu einer Art „Aufwärtsspirale“.

Ob Lesen an sich nun die Rechtschreibung verbessert, kann durch den gefundenen Zusammenhang also nicht eindeutig beantwortet werden. Um diese Frage zu klären, sollten wir betrachten, warum ein positiver Einfluss durch das Lesen überhaupt logisch erscheint.

Kann man sich durch Lesen die richtige Schreibweise einprägen?

Wie zu Beginn erwähnt, sehen wir beim Lesen ständig korrekt geschriebene Wörter. Tatsächlich wird davon ausgegangen, dass dies einen wichtigen Mechanismus im Langzeitgedächtnis in Gang setzt: Sogenannte orthografische Repräsentationen werden abgespeichert – Wortbilder, die die richtige Schreibweise abbilden. David Share beschrieb diesen Prozess 1995 in seiner Self-Teaching-Hypothese: Jedes korrekt gelesene Wort liefert auch Informationen über seine Schreibweise.

Einen experimentellen Beweis für diese Annahme lieferte eine spätere Studie (Cunningham und Kollegen, 2002). Die Wissenschaftler untersuchten 34 Kinder der zweiten Klasse. Die Kinder lasen Geschichten mit unbekannten Fantasiewörtern - sogenannten Pseudowörtern. Drei Tage später wurde überprüft, ob sie sich deren Schreibweise gemerkt hatten. Das Ergebnis: Die Kinder konnten sich viele Wortschreibungen allein durch das Lesen merken. Je sicherer das Wort zuvor gelesen wurde, desto besser erinnerte sich das Kind an die Schreibweise. Die Studie zeigt also, dass Lesen grundsätzlich dazu beitragen kann, sich die richtige Schreibweise zu merken. Dies scheint besonders gut zu funktionieren, wenn das Kind bereits über gute Lesefähigkeiten verfügt – genau, wie es die erwähnte „Aufwärtsspirale“ vermuten lässt.

Allerdings hat auch dieses Ergebnis Grenzen. Es bleibt offen, ob der beschriebene Mechanismus ausreicht, um die allgemeine Rechtschreibleistung spürbar zu verbessern, insbesondere, wenn Kinder nur über einen begrenzten Zeitraum mehr lesen. Zudem ist unklar, ob Kinder mit ausgeprägten Rechtschreibschwierigkeiten in gleicher Weise vom Lesen profitieren. Um diese Fragen zu beantworten, lohnt sich ein Blick auf Interventionsstudien, die den Einfluss von Lesetrainings auf die Rechtschreibung direkt untersuchen.


Verbessern gezielte Lesetrainings nachweislich die Rechtschreibung?

Mehrere Studien zeigen, dass Lesetrainings vor allem das Wortlesen, die Leseflüssigkeit, das Leseverständnis und teilweise auch den Wortschatz verbessern. Für die allgemeine Rechtschreibung finden sich dagegen keine oder nur geringe Effekte. Leseförderung verbessert somit in erster Linie das, was auch trainiert wird: das Lesen (z.B. Killingly und Kollegen, 2026).

In einer großen Metaanalyse wurden unterschiedliche Förderansätze bei Kindern und Jugendlichen mit Lese-Rechtschreibstörung verglichen, darunter auch reine Lesetrainings (Galuschka und Kollegen, 2014). Nur systematische Rechtschreibtrainings führten zu klaren Verbesserungen sowohl der Lese- als auch der Rechtschreibleistungen.

In einer späteren Arbeit wurde genauer analysiert, welche systematischen Rechtschreibtrainings hierbei hilfreich sind. Dafür wurden 34 kontrollierte Interventionsstudien zur Rechtschreibförderung ausgewertet (Galuschka und Kollegen, 2020). Programme mit phonologischen, orthografischen und morphologischen Inhalten verbesserten die Rechtschreibung deutlich.

Was ist das Fazit? Kann ein Kind schnell deutlich besser schreiben, wenn es ab sofort 10 Minuten mehr pro Tag liest?

Wenn ein Kind Schwierigkeiten beim Rechtschreiben hat, vermutlich nicht.
Selbstverständlich ist Lesen für jedes Kind wichtig. Es verbessert den Wortschatz, die Leseflüssigkeit und das Leseverständnis. Und ja: Lesen kann grundsätzlich dazu beitragen, dass sich Kinder die Schreibweise einzelner Wörter besser einprägen. Aber gerade bei Kindern mit Rechtschreibschwierigkeiten funktioniert der Aufbau stabiler Wortbilder im Gedächtnis häufig nicht optimal. Ist dies der Fall, können Wortbilder allein durch das Lesen nicht ausreichend aufgebaut werden. Eine schnelle Verbesserung der Rechtschreibung ist durch ein wenig zusätzliches Lesen daher kaum zu erwarten.

Die gute Nachricht: Ein Kind kann sich durchaus im Schreiben verbessern. Dafür ist jedoch eine strukturierte Rechtschreibförderung die beste Lösung.

Quellen:

Cunningham, A. E., Perry, K. E., Stanovich, K. E., & Share, D. L. (2002). Orthographic learning during reading: Examining the role of self-teaching. Journal of Experimental Child Psychology, 82(3), 185–199.

Galuschka, K., Ise, E., Krick, K., & Schulte-Körne, G. (2014). Effectiveness of treatment approaches for children and adolescents with reading disabilities: A meta-analysis of randomized controlled trials. PLoS ONE, 9(2).

Galuschka, K., Schulte-Körne, G., & Ise, E. (2020). Effectiveness of spelling interventions for learners with dyslexia: A meta-analysis and systematic review. Educational Psychology Review, 32, 1147–1184.

Killingly, C., et al. (2026). Reading interventions for students in Grades 4–12 with reading difficulties: A systematic review and meta-analysis. Educational Research Review, 51, 100758.

Mol, S. E., & Bus, A. G. (2011). To read or not to read: A meta-analysis of print exposure from infancy to early adulthood. Psychological Bulletin, 137(2), 267–296.

Share, D. L. (1995). Phonological recoding and self-teaching: Sine qua non of reading acquisition. Cognition, 55(2), 151–218.

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